Hoffnung und Gemeinschaft

Liebe Gemeinde, ein seltsames Jahr liegt hinter uns, geprägt von der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Einschränkungen.
Alles war anders und vieles plötzlich unmöglich oder schwierig. Als Gemeinde hat uns das vor große Herausforderungen gestellt. Dennoch bin ich froh, dass wir trotz Corona als Gemeinde zusammen gehalten und uns gegenseitig unterstützt haben und viele Menschen an
wichtigen Übergängen zu neuen Lebensabschnitten begleiten konnten.
Im August haben wir z.B. die Einschulungsgottesdienste von 50 neugierigen, erwartungsvollen Schulanfänger*innen von der Grundschule Schönningstedt gefeiert. Die Einschulung bereitet nicht nur den Kindern und Angehörigen eine große Freude, sondern auch uns als Gemeinde. Im August und September hatten wir insgesamt 5 Konfirmationsgottesdienste von 23 Jugendlichen. Wie schön, dass wir dieses Fest, das wir im Frühjahr wegen Corona verschieben mussten, nun endlich nachholen konnten! Möglich wurde das nur durch den großen Einsatz von Haupt- und Ehrenamtlichen unserer Gemeinde, und dafür bin ich sehr dankbar.
Doch bevor das Kirchenjahr zu Ende ist, haben wir noch
wichtige Ereignisse vor uns: Volkstrauertag und Totensonntag. „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch
Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen“ (Offb 21,4). Diese gewaltige Vision aus dem letzten Buch der Bibel prägt den letzten Sonntag des Kirchenjahres. Der Blick geht hinaus über die Zeit hin zu Gottes Ewigkeit. In seiner Vision berichtet der Seher Johannes von einem neuen Himmel und einer neuen Erde. Oft
träume ich von einer Welt ohne Leiden und Schmerz, ohne Trennung und Tränen, eine Welt, in welcher der Tod seinen Schrecken verliert.
Ich erinnere mich dabei an ein wunderes Erlebnis, das ich in den Sommerferien hatte. Zusammen mit meiner Familie habe ich die Abtei Königsmünster in Meschede besucht. Ein Mönch hat uns als Besucher willkommen geheißen und eine kleine Führung für uns gemacht. Was mich sehr beeindruckt hat, war die Anlage der Kapelle und des Friedhofes des Klosters. In der Kapelle steht vorn der Altar mit dem Kreuz. Um den Altar herum in einem Halbkreis stehen die Bänke, auf denen die Mönche während der Gebetszeiten sitzen. Hinter dem Altar, direkt hinter der Rückwand der Kirche befindet sich der Friedhof des Klosters, auf dem die verstorbenen Mitbrüder bestattet werden.
Faszinierend ist, wie dieser Friedhof im Hinblick auf die Kirche angelegt ist. Auch hier finden sich, der Kirche zugewandt mehrere Halbkreise. Gemeinsam mit dem Halbkreis im Inneren der Kirche ergibt sich ein ganzer Kreis, in dessen Zentrum der Altar mit dem Kreuz steht.
Was für ein wunderbares Symbol! Die Mönche zeigen und
erleben es in ihren Andachten täglich: Unsere Gemeinschaft, in deren Zentrum Gott selbst steht, endet nicht mit dem Tod. Der Tod ist wie eine Trennwand, durch die hindurch wir die Brüder auf der anderen Seite nicht mehr sehen können. Doch unsere Gemeinschaft geht weiter. Nur gemeinsam mit denen, die schon auf die andere Seite hinüber gegangen sind, sind wir ein Ganzes, nur durch sie schließt sich unser Kreis.
Hier in Deutschland sprechen wir oft davon, dass wir durch
unsere Gedanken und Träume mit den Toten verbunden bleiben. Sie bleiben uns präsent durch die Erinnerungen an sie, die wir in uns tragen. In den traditionellen afrikanischen Religionen Liberias geht der Gedanke über die bleibende Verbundenheit mit den Toten sogar noch weiter. Die Toten sind mehr als eine Erinnerung. In Liberia ist klar: Die
Verstorbenen verschwinden nicht einfach, sie nehmen irgendwie weiter am Leben teil und sie mischen sich manchmal sogar in das Leben der Lebenden ein. In Afrika geht die Verbundenheit mit den Verstorbenen, den Ahnen, sogar so weit, dass die Lebenden ihnen gelegentlich
Essen hinstellen – ein prägnantes Symbol dafür, dass sie weiterhin ein Teil unseres Lebens sind, wie auch ein Zeichen der Dankbarkeit: Wir haben euch nicht vergessen, ihr seid uns weiter präsent.
Als Christen können wir darauf vertrauen, dass wir mit Gott
verbunden sind – egal ob hier im Diesseits oder dort, im Jenseits. In diesen Zeiten der Pandemie, die uns durch die Zahlen der Verstorbenen immer wieder vor Augen führen, wie endlich unser Leben ist, kann uns dieser Gedanke trösten und ermutigen. Wir bleiben in Gottes Hand, und wir fallen nicht aus der Gemeinschaft heraus, der Gemeinschaft mit unseren Lieben, der Gemeinschaft, in deren Zentrum
Gott als die Quelle des Lebens steht.
Ich wünsche Ihnen und Euch diesen Trost in den grauen
Novembertagen, die vor uns liegen. Und zugleich dürfen wir uns auf das neue Kirchenjahr freuen, an dessen Beginn wir die Geburt eines Kindes feiern, den Anfang neuen Lebens, neuer Hoffnung. Möge uns diese Hoffnung begleiten – auch über dieses Leben hinaus.
Möge Gott Sie und Euch segnen und begleiten!

Pastor Siaquiyah Davis

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