Historische Streiflichter aus Sachsenwaldau (3) – Der eiserne Kanzler als neuer Nachbar

Wie im letzten „Streiflicht“ erwähnt hieß das heutige Sachsenwaldau-Gelände bis weit in das 19. Jahrhundert hinein Mühlenbek. Auf ihm
befanden sich u.a. eine Papiermühle und eine Krugkate. 1853 wurde die Mühle abgerissen. Die Krugkate fiel 1902 einem Brand zum Opfer. Ab
Ende des 18. Jahrhunderts gehörte das Mühlenbek-Gelände für einige Jahrzehnte dem Altonaer Reeder Diederich Willink, der sich hier einen
behaglichen Wochenendsitz herrichtete.
1867 übernahm der Kammerherr Major von Krieger das Areal von einem gewissen Nevermann für 107.500 Mark. Von Krieger kaufte noch
einige Nachbarparzellen hinzu und nannte die Liegenschaft fortan „Sachsenwaldau“. Dank einiger Ausbauarbeiten nahm der Besitz bald
gutshof-ähnliche Züge an. Und auch in der Umgebung wurde es aristokratischer. Denn unvermittelt ließ sich ein „eiserner Kanzler“ in der
Nachbarschaft nieder.
Die Vorgeschichte
1870 kam es in Europa zum Krieg zwischen Frankreich und Deutschland. Auslöser war ein Konflikt um die spanische Thronfolge. Der preußische Ministerpräsident und Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes Otto von Bismarck brachte Prinz Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen als Kandidat ins Spiel. Doch diese Erwägung fand auf französischer Seite wenig Beifall. Man wollte sich nicht von Hohenzollern-Abkömmlingen umzingeln lassen und verlangte einen grundsätzlichen, dauerhaften Verzicht. Als die Sache über die „Emser Depesche“ eskalierte, erklärte Napoleon III. den Preußen im Juli den Krieg. Für die süddeutschen Länder trat der Bündnisfall ein.
Bereits am 2. September wurde Napoleon III. bei Sedan von deutschen Truppen festgesetzt. Doch die Franzosen

Proklamation des Deutschen Kaiserreichs

gaben nicht auf, verloren weitere Schlachten. Im Januar 1871 wurde im Spiegelsaal von Versailles das Deutsche Kaiserreich proklamiert – eine bewusste Demütigung der linksrheinischen Nachbarn. Mit der vollzogenen Bildung eines deutschen Nationalstaats erfüllte sich ein langgehegter Wunsch Bismarcks.
Am 10. Mai 1871 kommt es schließlich zum offiziellen Kriegsende, dem Frieden von Frankfurt.
Mit der Proklamation stand das preußische Königshaus dem Deutschen Kaiserreich vor. Aus König Wilhelm wurde Kaiser Wilhelm I.
Zum Dank erhielt der 56-jährige Bismarck den Fürstentitel und ein preußisches Jagdgebiet, den Sachsenwald östlich von Hamburg.
Mittendrin Friedrichsruh, eine kleine Ortschaft, in der Bismarck das Hotel-Restaurant Frascati erwarb, welches er umgehend zu einem
repräsentativen Herrenhaus umbauen ließ. Zupass kam dem Fürsten dass es in Friedrichsruh bereits seit 1850 einen Bahnhof gab, an dem künftig die Schnellzüge Hamburg-Berlin für ihn und seine Gäste halten konnten.
Friedrichsruh, etwa drei Kilometer von Sachsenwaldau entfernt, wurde in den nächsten Jahren mehr und mehr zum Lebensmittelpunkt des
„Reichsgründers“. Nach seiner Demission 1890 auch zu seinem Alterssitz.
Schnelle Eigentümerwechsel auf Sachsenwaldau
Wer nun glaubte, dass mit dem Zuzug Bismarcks eine neue Stetigkeit und Stabilität in die Region einkehren würde, sah sich bald getäuscht. Am
29. August 1874 schrieb die „Deutsche Reichszeitung“: „Aus sicherer Quelle wird […] gemeldet, daß Major von Krieger seine bei Reinbeck auf
holsteinischem Boden belegene Hofstelle Sachsen-Waldau dem Fürsten Bismarck verkauft hat. Als Kaufpreis werden 80.000 Thaler genannt, was besonders in Rücksicht der ausgezeichnet schönen Lage jener Stelle nicht als besonders hoher Preis zu bezeichnen ist.“ Doch so sicher war die Quelle dann doch nicht, denn die Nachricht wurde schon einige Tage später von Major O. von Krieger im „Echo der Gegenwart“ und in anderen Zeitungen dementiert.
Fast zwei Jahre später, am 1. Juni 1876, annoncierte das „Königliche Amtsgericht Reinbeck“ in den „Hamburger Nachrichten“ eine
„Evictionsproclamation“ (= Bekanntmachung einer Räumung) bzw. einen Eigentümerwechsel auf Sachsenwaldau. Danach wurde das Gut am „26.April des Jahres von dem bisherigen Eigenthümer, Herrn Kammerherr O. von Krieger an den Herrn Baumeister Carl Lindner aus Erfurt verkauft“.
Die Proclamation forderte nachdrücklich „Alle und Jede, die an das besagte Besitzthum dingliche – nicht protocollierte – Ansprüche irgend
welcher Art geltend machen zu können vermeinen“ auf, sich mit ihren Anliegen in den nächsten zwölf Wochen beim Amtsgericht zu melden.
Lindner soll für Sachsenwaldau 180.000 Mark bezahlt haben. Davon waren 40.000 Mark für das Inventar berechnet.
Ein Jahr später lief auch die Lindner-Zeit auf Sachsenwaldau schon wieder ab. Am 27. Juni 1877 erschien in den „Hamburger Nachrichten“
eine „Licitationsanzeige“ (= Ankündigung einer Versteigerung). Darin avisierte der königliche Notar F.B. von Alten, dass „die zum Gute
Sachsenwaldau gehörigen Ländereien mit der darauf befindlichen Ernte […] mit Gebäuden und Inventar als ‚Gut Sachsenwaldau‘, im Auftrage des jetzigen Besitzers, zum öffentlichen Aufgebot gebracht werden“. Das Gut wurde in der Anzeige mit „etwa 600 Morgen Areal und guten
Kornbeständen“ angepriesen. Besichtigungen waren nach vorheriger Anmeldung „bei dem jetzigen Besitzer des Gutes, Herrn Lindner“, vorab
möglich. Als Versteigerungstermine wurden die drei Montage 2., 16. und 30. Juli 1877, jeweils 13:00 Uhr genannt.
Bismarck‘sche Arrondierungen
Bismarck, 1874 noch zu Unrecht verdächtigt, das Gut Sachsenwaldau unter seine Fittiche nehmen zu wollen, sah dem Treiben in der Nachbarschaft nicht länger untätig zu. Am 22. August 1880 berichtete die „Kölnische Zeitung“ unter Berufung auf Hamburger Journalisten, dass der Fürst nicht nur, wie allgemein bekannt, Gut Silk zwischen Wohltorf und Schönningstedt erworben, sondern mittlerweile auch Gut Schönau und Gut Sachsenwaldau akquiriert habe. Zusätzlich habe Bismarck noch einzelne Parzellen in Ohe, Schönningstedt, Witzhave, Wohltorf, Dassendorf, Kasseburg gekauft, um seinen Besitz zu arrondieren.
Auch damals gab es schon aufmerksame Journalisten, die sich durchaus an die eine oder andere abfällige Bemerkung Bismarcks über
die Zukunft der Landwirtschaft erinnern konnten und nun genüsslich daraus zitierten. Die Bauern in den Sachsenwald-Dörfern störte das
wenig. Sie rechneten dem Fürsten hoch an, dass er die Grundstücke auf herkömmlichem Wege kaufte und bezahlte und nicht auf ein noch aus
dänischer Zeit herrührendes Gesetz pochte, nach dem derjenige, der mehr als die Hälfte der Fläche einer Ortschaft besaß, auch die zur
Arrondierung geeigneten Grundstücke einfordern konnte.

Familien Bismarck Rantzau in Friedrichsruh

Bismarck genoss das Landleben in „seinem Tusculum Friedrichsruh“ („Der Landbote“ vom 19.09.1880). Berichte von fröhlichen Erntedank- und Tanzfesten, an denen auch seine Ehefrau Johanna, geb. von Puttkamer, sein Schwiegersohn und Diplomat Kuno Graf zu Rantzau sowie dessen Ehefrau respektive Bismarcks Tochter Marie Johanna Elisabeth „regen Antheil“ nahmen, füllten landesweit die Zeitungsspalten. Doch Bismarck wurde nicht jünger, sein betriebswirtschaftlicher Ehrgeiz eher schwächer. Zunehmend verpachtete er große Teile seines Grundbesitzes. Auch das Gut Sachsenwaldau durfte sich schon bald über neue Bewohner freuen: Carl Heinrich Johann Freiherr von Merck und seine Familie. Dazu mehr im nächsten Streiflicht!
Bernd Engel für Fördern & Wohnen

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