Gründung eines Frauenklosters in mystischer Zeit

Historische Streiflichter aus Sachsenwaldau Sachsenwaldau im Jahr 1224. Auf der „Fordersten Heubeken“ (Hoibek) befindet sich die erste, urkundlich erwähnte Besiedlung des heutigen Reinbeks. Es ist eine Kapelle, die einige Jahre zuvor von einem Mönch an der Mühlenbek-Mündung in die Bille errichtet wurde. Inzwischen wird sie von frommen Frauen, die sich als Zisterzienserinnen verstehen, bewohnt, ausgebaut
und bewirtschaftet. Geprägt ist ihr Alltag von der Losung der Zisterzienser, ein Leben „des Gebets, der Lesung und der Arbeit“ zu führen. Benannt ist das Kloster nach der „Patronin der Frauen, der Verführten, der reuigen Sünderinnen“ Maria Magdalena, ein im 13. Jhdt. beliebtes Patrozinium, wie zahlreiche Maria-Magdalenen-Klöster in Europa und der Levante belegen.
Unterstützt wird die noch junge Klosterkommunität von Graf Albrecht II. von Orlamünde, einem Neffen des dänischen Königs Waldemar II., der als dessen Statthalter in Nordalbingien (Nordelbien) fungiert. Eine im Juni 1859 von Altertumsforscher G.C. Friedrich Lisch in Kopenhagen aufgestöberte Bewidmungsurkunde aus dem Jahre 1224 zugunsten des Klosters macht dies deutlich. Lisch fasst den Inhalt der Urkunde
zusammen:
„Nach dieser Urkunde stand am 12. Nov. 1224 zu Hoibek eine „Kapelle der Heil. Maria Magdalena“, bei welcher sich schon Diener oder Dienerinnen des Herrn gesammelt hatten; der Ort war von dem „Bruder Lüder“ gegründet und bis dahin mit einer Hufe Landes [etwa 7,5 ha, der Autor] von dem Grafen Albert [Albrecht] bewidmet. Das aus dieser kleinen Stiftung hervorgegangene Kloster stand zuerst zu Hoibek, jetzt Mühlenbek genannt […].
Zur Hebung und Kräftigung des Gottesdienstes in diesem neu gestifteten Kloster bei der Kapelle zu Hoibek schenkte der Graf Albert [Albrecht] von Orlamünde am 12. Nov. 1224 demselben zwei noch zu cultivirende Waldhufen in den Bergen von Schöningstedt an der Grenze von Stormarn, drei Hufen zwischen den Flüssen Hoibek und Lembek, die ganze Haide bis Bünebüttel, den Zehnten von zwei Hufen in Billwerder und den Zehnten von Oldenburg und Steinbek. Diese Urkunde ist ohne Zweifel die eigentliche Gründungsurkunde des Klosters Reinbek. […]“
Dass sich bereits in diesen Anfangsjahren der Name „Reinbek“ einbürgert, beweist auch die „Confirmation auff Stifftung und Bawung [Bau] des Closters Reinebeke“ durch den Bremer Erzbischof Gerhard II. in einer Urkunde vom 4. Juni 1226.
Mystische Frauenbewegung des 13. Jahrhunderts Ein erstes Frauenkloster nach Vorbild der Zisterzienser, einer Reform-Abspaltung der Benediktiner, wird bereits 1125 unter dem Namen „Le Tart“ im französischen Burgund gegründet. Die Nonnen orientieren sich an der nahe gelegenen Abtei Cîteaux, dem Mutterkloster des Ordens.
Die Idee, monastisch-abgeschieden nach Zisterzienser-Idealen zu leben, findet schnell weitere Anhängerinnen. Denn in diesen Jahren entwickelt sich eine starke, religiös geprägte Frauenbewegung, spirituell unterfüttert von der sogenannten Frauenmystik. Diese Mystik lässt eine neue Christus- und Marienverehrung entstehen, verbunden mit Jungfräulichkeit,
Askese, Kontemplation, ekstatischem Erleben. Zu den zentralen Figuren und Vorkämpferinnen zählt u.a. die bekannte Äbtissin und Universalgelehrte Hildegard von Bingen (1098-1179).
Anfang des 13. Jhdts. Jahre gibt es etwa 800 Frauenkonvente in ganz Europa. Auch die Klostergründung in Sachsenwaldau darf als typisch für diese Zeit betrachtet werden. Formal gehört die Mehrzahl der neugegründeten Konvente nicht zum Zisterzienser-Orden, denn das überforderte Mutterkloster Cîteaux lehnt Aufnahmen zunächst strikt ab.
Erst 1228 werden erste Frauenklöster eingebunden. Doch auch ohne Ordenszugehörigkeit entwickeln sich einige Frauenklöster prächtig.
Prominente Beispiele sind Marienfließ in der Prignitz oder Helfta in Eisleben. Helfta gilt im späten Hochmittelalter gar als „Krone der deutschen Frauenklöster“, in dessen Mauern die „drei heiligen Frauen“ und Mystikerinnen Mechthild von Hackeborn (1241–1299), Gertrud von Helfta (1256–1302), Mechthild von Magdeburg (1207–1282) denken, lehren und schreiben.
Neue Standorte für das Kloster Reinbek Zurück nach Hoibek, Sachsenwaldau. Wenige Jahre nach den ersten urkundlichen Erwähnungen, wohl 1233/34, folgen zwölf Nonnen einem Ruf von Heinrich II. von Barmstede, um mit Hilfe seiner Stiftung das Zisterzienserinnenkloster Uetersen nordwestlich von Hamburg aufzubauen. Die verbliebenen Nonnen verlassen kurz darauf ebenfalls den Gründungsort und ziehen 50 Kilometer die Bille aufwärts, wo sie sich in „Cotle“, heute Köthel, niederlassen. Der Name „Kloster Reynebeke“ wird beibehalten. Erste Aufgaben sind die Urbarmachung des Umlandes und der Bau der Klosterkirche. In ihren Entscheidungen bleiben die Nonnen autonom. Denn laut Zisterzienser-Beschluss von 1228 dürfen nichtinkorporierte Frauenklöster ihren Alltag nach den Regeln von Cîtaux gestalten, ohne den Abt eines nahegelegenen Männerklosters, in diesem Fall wäre es Reinfeld, konsultieren zu müssen. So steht lediglich der Erzbischof von Bremen den Nonnen vor.
„Cotle“ wird in einer Schenkungsurkunde erstmals erwähnt. Ausgestellt ist die Urkunde von Graf Adolf IV. von Holstein und Schauenburg, der 1227 nach dem Sieg über die Dänen bei Bornhöved zum starken Mann der Region aufsteigt. In den Jahren nach dem Triumph überträgt Adolf IV. dem Kloster Reinbek sukzessiv Dörfer wie Ohe, Schönningstedt, Glinde, Hinschendorf und große Ländereien. Er erfüllt damit, so die Legende, sein Gelübde vor der entscheidenden Schlacht.
Weitere Schenkungen von Albert I., Herzog von Sachsen-Wittenberg, Engern und Westfalen, an das Kloster folgen. In Hinschendorf befindet sich in jenen Jahren eine Wassermühle mit großen Ländereien. Die Nonnen sehen in ihr eine verlässliche Einnahmequelle und lassen in der Nähe, am heutigen Reinbeker Mühlenteich, ein neues, gemauertes Klostergebäude erbauen. In den Vierzigerjahren des 13. Jhdts. erfolgen Um- und Einzug. Der Name bleibt „Reinbek“. Es ist der Beginn einer über 200 Jahre dauernden Periode von Wachstum und Prosperität. 1465 umfasst der Besitz 37 Dörfer; die Reihen der Nonnen füllen sich mit Töchtern aus holsteinischem Adel und wohlhabenden Familien.
Anfang des 16. Jhdts. versetzen lutherische Schriften und evangelische Prediger den Klerus und die Klöster in Aufruhr. Auch in Reinbek zweifeln die Nonnen zunehmend am Sinn ihrer Mission.
Prominente Hamburger Reformatoren wie Stephan Kempe und Johannes Bugenhagen leisten letzte Überzeugungsarbeit, so dass sich das Kloster im April 1529 auflöst. Ein Großteil der verbliebenen 40 Nonnen kehrt ins weltliche Leben zurück. Gebäude und Grund gehen für 12.000 Mark an König Friedrich I. von Dänemark und Norwegen, der sich an den Gebäuden jedoch nur kurz erfreuen kann. Denn bereits im Mai 1534 werden diese in der sogenannten „Grafenfehde“ von brandschatzenden Landsknechten aus Lübeck zerstört. Was bleibt ist der Name „Reinbek“, manifestiert durch das gleichnamige Renaissance-Schloss, das Adolf I., Herzog von Schleswig-Holstein-Gottorf, 1572-76 auf dem ehemaligen Klostergrundstück errichten lässt.
Bernd Engel für Fördern & Wohnen

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