Vor 500 Jahren: Luther schlägt seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg

Vor 500 Jahren: Luther schlägt seine 95 Thesen
an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg
Wir haben Martin Luther robust und kämpferisch vor Augen – durch die
Bilder von ihm, durch seine Schriften und Predigten. Zugleich war er
ein einfühlsamer Seelsorger. Zahlreiche Briefe von ihm zeigen das.
Mich berührt an ihm vor allem, dass seine umstürzende
Glaubenseinsicht aus Verzweiflung und Kummer erwachsen ist.
Er spürte: Ich kann noch so viel Gutes tun, ich kann noch so oft
aufrichtig und selbstquälerisch meine Schwächen mir und Gott
eingestehen – nie werde ich seinen Ansprüchen gerecht werden
können. Daran litt er unsagbar. So fühlte er sich unendlich befreit, als
ihm beim Studium der Bibel aufging: „Es geht genau andersherum:
Nicht durch unsere religiösen Leistungen gewinnen wir Gott, sondern
Gott gewinnt uns durch seine Liebe. Aus ihr können wir schöpfen und
selber lieben.“
Erschüttert und geschmerzt hat Luther ebenso der Zustand seiner
Kirche. Auch hier wuchs seine Kraft zur Veränderung aus seinem
Kummer. Tröstlich finde ich, dass in Leid und Kummer eine kostbare
Kraft erwachsen kann, die Neues schafft.
In unserer Gemeinde leben wir sehr bewusst seit Jahrzehnten von
seinem Verständnis der Kirche. Für ihn ist Kirche dort, wo Gläubige
sind. So denkt er Kirche fern von Institution und Verwaltung. Noch
mehr: jeder Christ und jede Christin sind zugleich Priester und
Priesterinnen, sogar Bischof und Bischöfin. Das ist für uns ein
lebendiger Impuls: bei uns gestalten ausgebildete Lektoren und
Lektorinnen selbständig Gottesdienste. So lebt der Gottesdienst „Von
der Gemeinde für die Gemeinde“. Auf diese Weise lebt Luthers
„allgemeines Priestertum aller Gläubigen“ in unserer Gemeindearbeit
fort. Auch wenn er diese radikalen Gedanken im Laufe seines Lebens
abgeschwächt hat, die Perspektiven bleiben für eine Kirche der
Zukunft!
Ganz viel Segen in den Sommerwochen wünsche ich Ihnen!
Pastor Benedikt Kleinhempel