„Renn‘ doch nicht so, geh‘ doch etwas langsamer!“

„Renn‘ doch nicht so, geh‘ doch etwas langsamer!“ So bat ich
als Kind oft meine Mutter, während wir durch die Straßen eilten.
Sie hatte mich an der Hand und war mir immer einen Schritt voraus. Für einige Momente nahm sie dann tatsächlich etwas an Tempo ab. Das hielt aber nicht lange an. Schnell war sie wieder bei ihrer alten
Schnelligkeit.

„Du bist aber auch manchmal langsam!“ So hörte es sich an, wenn mein Bruder wieder einmal genervt war, über das so andere Tempo von mir.
Ja, so hat jeder seinen eigenen – Lebenstakt. Mancher ist immer schon sich selbst einen Schritt voraus – ein anderer „brütet“ ständig auf etwas herum, und kommt nicht recht in Gang…
Heute habe ich oft das Gefühl, schneller sein zu sollen als ich eigentlich kann und möchte. Mein eigenes Tempo zu finden, bei ihm zu bleiben, ist für mich eine Aufgabe. Ich möchte alles in einer Langsamkeit angehen und durchleben, die nicht an den Dingen klebt, aber behutsam und auf-merksam macht. „Ich sehe was, was du nicht siehst!“ Wahrscheinlich kennen Sie dieses Kinderspiel. Bei ihm muss man plötzlich genau hinse-hen, entdecken, was auf den ersten Blick verborgen bleibt. Das braucht
Geduld und Aufmerksamkeit.

Ich nehme dieses Spiel wie ein Bild: Es erzählt mir viel darüber,
wie ich mit meiner Zeit umgehen möchte… Hast du zum
Beispiel den kleinen schwarzen Vogel auf dem Ast dort
drüben gesehen, wie seine Federn durch die Regen-tropfen
glänzen… Oder gehört, wie dies ein paar Gramm schwere
lebendige Knäuel tapfer und voller Freude gegen alle
Widrigkeiten ansingt? Wer so sieht
oder hört, ist nach bei Gott, glaube ich.

Bei Jutta Richter las ich von einem „Engel der Langsamkeit“, der uns beim Verstehen und Entdecken hilft, der Geduld und Achtsamkeit schenkt, der über die Hast und die Hastigen lächelt und dir zuflüstert „lass dir Zeit!“ Dieser Engel lehrt uns den Wolken nachzuträumen, erzählt vom Anbeginn der Zeit, vom Sommer, vom Winter, von Ewigkeit. Er nimmt unseren Kopf in seinem Schoß, sind wir müde und atemlos. Er wiegt uns, er redet von Muscheln und Sand, von Meeren von Möwen und vom Land…

Ist dies nicht auch eine Weise zu fasten: Abzuspecken an Tempo und
Unrast, zunehmen an Hinschauen und Hinhören. Die Fastenzeit hat
gerade wieder begonnen…

Ihr Pastor
Benedikt Kleinhempel

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