Ich will zur Pfeife greifen

Ich will zur Pfeife greifen. Nein, lass es lieber sein! Es bekommt dir nicht, es ist nicht gut. Na, eine wird wohl gehen, denke ich, oder?
Es fällt mir schwer sie liegen zu lassen. Ich wende mich ab vom Pfeifenständer und schaue an die Wand. Dort sehe ich ein Bild von Peter Paul Rubens. Es zeigt das Jesuskind, wie es mir seiner kleinen Hand über den Nackten Kopf eines der drei heiligen Könige fährt.
Ja, das wäre eine prima Alternative: sich über den Kopf streicheln zu lassen, als blauen Dunst durch die Atemwege zu ziehen.
Wie viel Sehnsucht steckt hinter der Sucht? Was muss ich einnebeln, um es nicht klar und deutlich fühlen und sehen zu müssen?
Wie viel Schmerz bedeutet es oft, die Wirklichkeit anzunehmen?
Was ist da eigentlich passiert? Wohl dies:
Indem ich es geschafft habe, zumindest dieses eine Mal, mich abzuwenden von dem Alten, en „Pfeifen“, und mich Neuem zugewandt habe, einem anrührenden Bild, hat sich auf eigentümliche Weise eine ganz neue Perspektive aufgetan.
So geschah ein Perspektivwechsel. Ich lasse meine Gedanken weiter wandern. Ich sehe mich im Gottesdienst sitzen. Meinen Talar habe ich an, aber ich sitze auf einem ganz anderen Platz als sonst:
Nämlich ziemlich am Ende der ersten Sitzreihe hinter dem Taufstein. Neben mir nehmen zwölf Lektorinnen und Lektoren die Plätze der Reihe ein.
Es ist ungewohnt und merkwürdig für mich.
Mein Blick fällt nach links auf die nahe Taufkerze. Sonst habe ich sie nie recht bemerkt, nun strahlt sie festlich und still für mich. Nach einer Weile gleitet mein Blick nach rechts und wird von der großen Orgel auf der Em-pore, der „Königin der Instrumente“, freundlich angezogen. Noch nie hatte ich sie im Gottesdienst von meinem angestammten Platz sehen können.
Jetzt freue ich mich über ihren Anblick und bin dankbar dabei, nehme ihren Klang viel bewusster und tiefer auf. Was ist eigentlich passiert? Ich habe etwas Gewohntes losgelassen, ein wenig nur, und Neues zugelassen und eine neue Blickrichtung gewonnen. Perspektivwechsel also.
Ein Telefongespräch fällt mir ein. Eine Frau erzählt mir, dass sie lange krank war, und wie sehr sie das gequält habe. Lange Monate habe sie nicht gewusst, ob sie je wieder in ihren Beruf zurückkehren könne.
Und dann fügte sie nach einer langen Pause hinzu: „Ich soll wohl endlich begreifen, dass ich nicht alles 110 %ig erledigen muss, und das es neben meiner Arbeit noch ein persönliches Leben gibt.
Ich merke, wie es zu ihrer Genesung gehört, etwas Altes loszulassen, einen neuen Blick zu finden. Einen Perspektivenwechsel.
Genau das ist es wohl, wohin uns die sieben Wochen vor Ostern hin-führen möchten, und worauf uns die Aktion „Sieben Wochen anders leben“ aufmerksam macht:
Lass etwas los, um freier für Neues zu werden!
Finde eine neue Blickrichtung!
Und ich? Ich schaue immer mal wieder zu den Pfeifen rüber. Kann ich
sie lassen? Ja, heute bleibe ich standhaft, und morgen???
Viele gute Wünsche für erfüllte Passions- und Osterwochen!
Ihr Pastor
Benedikt Kleinhempel

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