Ein Passionserlebnis

Ein Passionserlebnis
Es war winterlich frisch als ich am Morgen aus dem Hotel in Oberammergau trat. Die Sonne wärmte mich schon mit ihren Strahlen. Nur einen Katzensprung entfernt lag die Dorfkirche „St. Peter & Paul“, die mich anlockte, wie sie da weiß mit einer blauen Zwiebel auf ihrem Turm von einer Anhöhe in den Himmel ragte.
Bedächtig nahm ich Stufe für Stufe, um dann, oben angekommen, den Weg zwischen den hoch aufragenden Grabsteinen hindurchzuschlendern. Die Kirchentür stand offen, das sah ich nun. So eingeladen zu sein rührte mein Herz. Schon wollte ich eintreten, da fiel mein Blick auf ein großes Kruzifix links neben dem Eingang.
Dieser Jesus zog mich an, wie er dort auf der strahlend weißen Kirchenwand hing. Ich schaute genauer hin, ließ ihn auf mich wirken. Mir schien, er hing nicht am Kreuz, er schwebte in einer unbezwingbaren Leichtigkeit. Den Schmerz nahm er auf eine stille Weise in sich hinein, gab ihn nicht nach außen ab. Ich konnte bei diesem Jesus spüren: in seinem Schmerz nahm er zugleich unser aller Schmerzen auf sich. Mir war, als sei aller Kummer für Momente aufgehoben. Da stutzte ich, denn ich sah etwas, das mich überraschte, zunächst irritierte: mein Schattenbild hatte sich auf das Kruzifix gelegt.
Wenige Augenblicke danach trat ich angerührt und froh in die Kirche.

Benedikt Kleinhempel

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