Die Krippe

Immer wieder fasziniert die Krippe, ihre friedvolle
Ausstrahlungskraft, ihre Motivauswahl. Kinder und Erwachsene
zieht sie gleichermaßen in ihren Bann.
Die fast 800-jährige Geschichte der szenerischen Darstellung
der Weihnachtsgeschehnisse mit Figuren zählt seit Franz von
Assisi zu den schönsten Weihnachtsbräuchen.
Ihr Ursprung im Einzelnen liegt im Dunkeln. Sicherlich hat erst ein langer Prozess und eine ganze Reihe von Einflussfaktoren ihr Wesen bestimmt. Starke Anstöße kamen aus den mittelalterlichen Mysterienspielen des 9. und 10. Jahrhunderts in England und Deutschland. Später wurde dieser zu-nächst liturgische Bestandteil des Gottesdienstes ein selbstständiges Weihnachtsspiel, literarisch oft auch als Krippenspiel bezeichnet. zu diesen Krippenspielen zählt auch die Weihnachtsfeier des Heiligen Franz von Assisi im Jahre 1223 im Wald von Greccio, wo er das Weihnachtsgeschehen in einem wirklichen Stall mit einer strohgefüllten Futterkrippe und lebendigem Ochsen und Esels schildert; allerdings ohne die heiligen Figuren. So nimmt von hier- mit großer Unterstützung gerade der Franziskaner und der Jesuiten – der Krippenbrauch seine weltweite Verbreitung auf.
Die Jesuiten sind es, die 1562 in der St. Clemenskirche zu Prag die erste Kirchenkrippe aufstellen. Staunend stehen an Weihnachten 1562 die Gläubigen vor der für sie neuartigen Krippe. Wieder ist es die Prager Jesuitenkirche, die ein Jahr darauf 1563 eine noch schönere, noch größere Krippe beherbergt. Und auch in Deutschland sind es die Jesuiten, die den Krippenbrauch einleiten. 1601 steht die erste deutsche Krippe in Altötting. Mit St. Michael in München folgt 1607 ein weiteres Gotteshaus.
Ihre Blütezeit erreicht die Krippe im Barock. Italien wird führend. Die Gold-schmiedebruderschaft in Neapel schafft 1661 eine herrliche Darstellung. 1740 gründet König Karl III. in Capodimonde eine Porzellanmanufaktur, in der er selbst Krippen herstellt und dabei figürlich auch die Königin und den ganzen Hofstaat einbindet. Große Bedeutung finden in der sizilianischen Krippenkunst die Arbeit von Matera. In Deutschland gehört das Krippenwesen mehr zur Volksfrömmigkeit und zur Volkskunst, wenngleich der Barock
die kunstvolle Ausschmückung erweitert.
Die barocke Ausschmückung findet in der Aufklärung ein jähes Ende; die Extreme wechseln. die volkstümliche Krippenkunst passt nicht mehr in das politische Konzept der Aufklärung.
Heute werden Krippen in aller Welt gebaut und an Weihnachten aufgestellt. Gerade weil die Krippe Ausdruck persönlichsten Erlebens ist, nimmt sie nicht nur gemäß dem Können des einzelnen Krippenbauers, sondern darüber hinaus auch nach dem, wie er das Weihnachtserlebnis versteht besondere Formen an. Der Barock-
mensch sah in seiner Krippe eine Art Hofhaltung des menschgewordenen Gottkönigs. Der Altbayer mit seiner Freude am Theaterspiel baut in seinen Krippenkasten eine Bühnenkrippe. Der Schwabe und der Tiroler verlegen das Ganze hinein in ihre Berglandschaften, die sie mit Wurzeln und Moos gestalten. Für den Afrikaner haben Maria, Josef und die Hirten schwarze Hautfarbe, während der Mexikaner in Farbe schwelgt. Während der Süddeutsche das Weihnachtsgeschehen in die Winterlandschaft verlegt, schmückt Hilario Mendivil in Peru das Heilige Paar mit Häuptlingsfedern.
Der Krippenbauer will nicht einfach das Geschehen von Bethlehem reproduzieren. Er setzt sich vielmehr mit dem, was Weihnachten für ihn selbst bedeutet, auseinander und gestaltet aus dieser Meditation heraus seine Krippe.
Lothar Obst

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