Das Senfkorn

Das Senfkorn hat es mir angetan. Das kleinste unter allen Samenkörnern.
Auch wenn es so unscheinbar ist! Warte nur, vertrau‘ darauf! Aus diesem klitzekleinen Korn wird eines Tages ein ansehnlicher Baum, in dessen Zweigen Vögel nisten, im Schatten, den die Blätter spenden.
Das ist mein Bild geworden und gewesen über die 25 Jahre, die ich in dieser Gemeinde meinen Dienst tue. Ich blicke zurück, freue mich und bin dankbar. Mir kommen tolle Bilder vor Augen, wenn ich diese Jahre Revue passieren lasse:
Ich sehe noch die Mülltonnen vor dem Altar stehen und ganz viel Schrott im Gang der Kirche liegen. Müllgottesdienst. Im Szenenspiel
halte ich eine Bildzeitung in den Händen und ahne nicht, warum die Gottesdienstbesucher schallend lachen: Sie hatten auf der Rückseite der Zeitung die Zeile gelesen: „Was deutsche Männer scharf macht.“
Ich höre und rieche ein Motorrad, eine Harley Davidson. Sie tuckert mit ihrem wunderbaren Sound langsam zwischen den Gottesdienstbesuchern im Gang der Kirche. Sie symbolisierte im Schlagergottesdienst die Lebensfreude, die wir zum Start in den Alltag bitter nötig haben.

Peter Striebeck liest mit Emphase „Schischiphusch“ von Wolfgang Borchert. Tiefes und deutliches Schnarchen begleitet seine Worte. Dazwischen schnarrt eine elektronische Stimme immer wieder ein-mal die Zeitansage: Es ist 20 Uhr und 25 Minuten. Striebeck stockt, guckt irritiert. Schlafende und schnarchende Blindenhunde sowie sprechende Uhren ihrer Frauchen und Herrchen hatten ihn verwirrt.
Besonders die ersten Jahre hatten es für mich in sich. Mit 5 % Sehkraft eine volle Pfarrstelle zu übernehmen ist kein Pappenstiel. Gott sei Dank gab es ein stillschweigendes Agreement: Wir nehmen einander an, wie wir sind, Gemeinde und Pastor. So konnten wir aneinander und miteinander wachsen und so ein kostbares, aufregendes und manchmal auch aufreibendes Projekt verwirklichen. In den ersten Jahren konnte ich nur daran denken, alles zu schaffen und mich zu bewähren. Nach und nach gewann ich Freiräume, um Dinge zu gestalten und Ideen zu entwickeln und zu verwirklichen. Kirchenvorstand und Gemeinde haben mich darin immer konstruktiv begleitet.
Dafür bin ich sehr dankbar. So wurde mir ein Weg geschenkt, mich innerlich zu entwickeln und zu entfalten und jeweils das in die Gemeindearbeit einzugeben, was in mir gewachsen war.
So freue ich mich besonders über das stattliche Team von Lektorinnen und Lektoren, die die ‚Gottesdienste mitgestalten oder komplett tragen.
Möglichst wenig „Pastorenkirche“ und möglichst viel „Gemeindekirche“ – das war mein Ziel zu Beginn. Davon ist ein kräftiges Stück sichtbar geworden. Wenn ich durch die beiden Orte Ohe und Schönningstedt gehe,
haben viele Häuser bzw. deren Bewohner, eine Geschichte für mich.
Und sie haben eine Geschichte mit mir. Wir können von zwei Seiten an Gelebtes anknüpfen. Das hilft oft. Wir begleiten einander durch weite Strecken unseres Lebens. Gegenseitig.
Ein viertel Jahrhundert ist vorüber. Kaum zu begreifen! Ich möchte noch ein Stück weiter gehen. Erfahrungen sammeln, lernen.
Gott gebe seinen Segen dazu.
Ich grüße Sie herzlich
Benedikt Kleinhempel

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