Auf dem Weg zur Krippe…


Mein Schreibtisch ist ziemlich groß. Ein antikes Stück
aus Mahagoni. Ich habe ihn schon eine halbe Ewigkeit.
Er steht in meinem Arbeitszimmer am Fenster. Auf ihm tummeln sich die widersprüchlichsten Gegenstände: da liegt ein runder Briefbeschwerer mit dem Konterfei Sophie Charlottes, der Frau des ersten preußischen Königs, „des schiefen Fritz“. Diese Frau mit dem wachen Geist imponiert mir…
Daneben steht ein holzgeschnitzter Engel, der Mandoline spielt, und ganz in seiner Musik versunken scheint…
Weiter rechts taucht eine ganze Gruppe von kleinen Figuren auf. Die erste hält einen Stern hoch, andere halten Gesangbücher in ihren Händen…
Eine Kurrende.
Außerdem steht da noch „Fröhlich“ in glattem weißem Porzellan, der Hofnarr aus Dresden, umrahmt von einer dunklen Büste Friedrich des Großen und eine Kerze, die die Sacrower Kirche zeigt.
So bunt, widersprüchlich und sogar skurril geht es auf meinem Schreibtisch zu. So widersprüchlich wie ich selbst bin? Was steht auf Ihrem Schreibtisch oder Ihrer Kommode, liebe Leserinnen, liebe Leser? Was erzählen die Schalen, Vasen und Figuren über Sie selbst und die Geschichte Ihres Lebens?
Aber nun: Seit Juni spielen die Gegenstände auf meinem Tisch kaum noch eine Rolle. Drei große Holzfiguren ziehen alle Aufmerksamkeit auf sich: Eine Frau mit langem Haar und zärtlichen Blick, die kniet. Ein Mann mit Bart, der die Hände ineinander legt und sich ein wenig herabbeugt. In der Mitte ein Baby, das offenbar ganz ruhig und vertrauensvoll schläft. Seit September treten von links her zwei Hirten an die kleine Familie heran. Der eine hat ein Schaf im Arm, der andere greift sich mit der Linken an den Hut – oder möchte er sich vor dem hellen Schein eines Sternes die Augen schützen? Er hält in seiner Rechten einen kräftigen Hirtenstab. Von rechts bewegen sich drei herrschaftlich gekleidete Männer auf die Gruppe zu: Der eine hält dem Kind seine Krone hin, die beiden anderen tragen Geschenke in ihren Händen und haben allein das Kind in ihrem Blick. Und da sind auch noch drei Schafe, die irgendwie ganz selbstverständlich dazugehören…
Diese Krippenfiguren waren also in den ganzen zurückliegenden Monaten stille Begleiter durch meine Tage. Wenn mein Blick auf sie fiel, rührten sie etwas in mir an. Von ihnen ging ein Zauber aus, ein Geheimnis, das sie ohne Worte durch ihre wesentliche Schlichtheit erzählten. Sie holten mich ein ums andere Mal aus alltäglichen Ärgerlichkeiten heraus und eröffneten mir eine Weite und Tiefe, die mich aufatmen und wieder neu leben ließen… Ihre so natürliche Andächtigkeit halfen mir wieder und wieder einen Blick für Wesentliches zurückzugewinnen…
Diese Figuren werden fortan nicht mehr auf meinem Schreibtisch, sondern in der St. Michaels-Kapelle in Ohe stehen, jedenfalls in den Advents- und Weihnachtswochen. Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie leer und verwaist mir mein Schreibtisch ohne sie vorkommen wird. Aber sie werden auf dem Altar wunderbar zur Geltung kommen und wir können uns als Gemeinde alle an ihnen erfreuen. Lothar Obst, der kaufmännische Direktor des St. Adolf-Stift-Krankenhauses in Reinbek, der uns schon manche Krippen im Gottesdienst vorgestellt hat, hat sie unserer Gemeinde für die Kirche in Ohe ge-
schenkt. Das ist eine wunderbare Bereicherung unseres geistlichen Lebens..
Wir dürfen diese Krippe am 1. Advent in Empfang nehmen. Lothar Obst wird sie im Familiengottesdienst vorstellen. Dann wird Gelegenheit sein, um ihm
herzlich zu danken.
Ihr Pastor
Benedikt Kleinhempel

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