„Ich muss erst wieder neu leben lernen…“

Eine kleine Begebenheit aus den Urlaubswochen geht mir nach: Ich sitze auf einer hölzernen Terrasse eines Schwimmbades. Neben mir steht eine Tasse Kaffee auf dem Tisch, ich halte das Gesicht der heißen Sonne entgegen. Es sind keine anderen Gäste da. Plötzlich tritt eine alte, gepflegte Frau durch die Glastür, sucht sich einen Tisch, nicht weit von dem meinen. Resolut, aber nicht unfreundlich gibt sie ihre Bestellung auf. Zügig isst sie dann ihr Stück Kuchen und trinkt ihre Tasse Kaffee. Währenddessen erzählt sie der Kellnerin, dass sie so gern ihre Freundin überreden möchte, auch hierher zu kommen. „Ist es nicht blöd, den ganzen Tag nur auf dem eigenen Balkon zu sitzen? Das ist ja furchtbar öde!“ – sagt sie. Und ziemlich energisch fragt sie:
„Können Sie ihr wohl einen Stuhl dort hinten in den Schatten stellen? Dann muss sie nicht über die ganze Terrasse laufen, das schafft sie nicht mehr.“ Schließlich sind Kaffeetrinken und Dialog beendet. Die alte Dame bricht auf. Sie erbittet sich einen Arm der Kellnerin und geht so gestützt mit kleinen Schritten langsam, den Stock in der Linken, auf die Glastür zu. Mit fester, erklärender Stimme sprich sie auf diesem Weg ein Wort: „Ich muss erst wieder neu leben lernen. Das habe ich noch nicht lange, dass ich so mühsam gehe.“ In ihrer Stimme ist nichts, was Mitleid heischt. Sie teilt mit.
Ich horche auf… Hatte ich das Geschehen bis dahin eher beiläufig aufgenommen, war ich jetzt plötzlich hellwach. Der Satz ging mir ins Herz. Er berührte etwas in mir. Was war es? Es war wohl die offensive Offenheit, in der sie ihre Situation beschrieb und zugleich der große Mut, mit dem sie ihre Lage auf sich nahm. Die alte Frau sprach von lernen und von neuem Leben.
Ich saß noch einige Minuten an meinem Platz, der Satz klang nach in mir, fand Widerhall. Neu leben lernen, das ist offenbar nie zu Ende. Immer wieder müssen wir es, unser ganzes Leben hindurch. Von diesem Mut, ohne jegliche Wehleidigkeit, möchte ich so gerne etwas in meinen Alltag mitnehmen. Auf einmal brauchen wir Hilfe, wo wir vorher alleine zurecht kamen. Die Einschränkung anzunehmen und zugleich Hilfe zu akzeptieren können große Lernaufgaben sein.
Neu leben lernen müssen z. B. die jungen Eltern, die sich und ihren Lebensstil verändern und auf ihr Kind umstellen… Neu leben lernen gilt genauso für die Paare, deren Kinder nun langsam aus dem Hause gehen und die sich alleine wiederfinden. Wie können sie sich wirklich wieder finden?
Mir fällt der Mann ein, der in der Mitte seines Lebens plötzlich erblindete. Der um ein neues Leben rang und wie er lernte, allmählich neu zu leben, davon habe ich in unserem Blindenkreis vor einigen Jahren etwas mitbekommen. Ein Blindenhund ist ihm auf seinen Wegen dabei ein wertvoller Gefährte geworden. Am „Tag des weißen Stockes“, also am 15. Oktober, einem Sonntag, wird er uns darüber und über seinen vierbeinigen Begleiter etwas Mut-machendes erzählen. Dafür bin ich ihm dankbar, und dazu lade ich Sie sehr herzlich ein (siehe unten).
Ich wünsche uns für die eigenen Wege gute Kräfte und frohen Mut.

Ihr Pastor
Benedikt Kleinhempel

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