Gutes tun im Besuchskreis

Gutes tun im Besuchskreis
Zum Jahreswechsel gibt es für mich schon seit langer Zeit ein lieb gewonnenes Ritual und das hat mit dem Auswechseln unseres Familienkalenders an der Wand zu tun. Kaum hängt dort der lebenswichtige Kalender für das aktuelle Jahr und mein Mann möchte den abgelaufenen des vergangenen Jahres in den Papiermüll befördern, entsteht bei mir ein dringender Wunsch. Im Regelfall suche ich mir dann ein ruhiges Plätzchen und eine entspannte Zeit und dann schaue ich mir nochmals alle Eintragungen des alten Jahres an und schwelge in Erinnerungen und bin erstaunt, dass das alles schon eine Weile her sein soll.
Viele nette Begegnungen erinnere ich noch, als wären sie erst gerade gewesen und verbreiten eine wohlige Wärme in meinem Herzen. Erst dann habe ich das Gefühl etwas abgeschlossen zu haben und „es gehen lassen“ zu können, wobei viele schöne Verabredungen und Begegnungen sich zum Glück auch in diesem
Jahr wiederholen lassen.
In unserem reich gefüllten Kalender lese ich mehrmals von unseren Treffen im Gemeindehaus, wo wir uns zur Fortbildung für die Besuchskreisteilnehmer zusammen gefunden haben und uns gemeinsam vor Augen führten: “Was passiert da eigentlich – bei so einem Besuch?!“. Zusätzlich erzählten alle Damen und unser Pastor Kleinhempel von den gemachten Erfahrungen und jeder konnte
etwas für sich mitnehmen – von den Erzählungen der anderen Teilnehmer des Seminars und deren Gedankengut.
Ich sehe auch Eintragungen für unsere Gruppe der Besuchenden, die nun ohne Kursleiterin entspannt in der Sonne vor der Kirche zusammen fand und jeder konnte mal berichten, wie es ihm persönlich mit diesen Besuchen ergeht und was ihn berührt, beschäftigt und festigt. Selbst in der stressigen Vorweihnachtszeit
gab es erneut einen befruchtenden Erfahrungsaustausch, gemütlich im Hause unseres Pastors mit einem Stuhlkreis um seinen Wohnzimmertisch. Das ist wichtig, damit auch Fragen von anderen Betroffenen besehen werden können und zur Stärkung, dass man, mit seiner Art Besuche zu führen, auf dem rechten Pfad wandert.
Ich persönlich fühle mich diesem Ehrenamt sehr verbunden und damit meine ich nicht nur meine Aufgabe als Leitern dieses Besuchskreises, sondern vor allen Dingen fühle ich mich den Menschen verbunden, die ich besuchen und erleben darf. Dieses Ehrenamt ist eine Ehre, denn ich treffe viele nette Menschen, die
freundlich sind und wo ich willkommen bin – das ist ein sehr schönes Erlebnis für mich. Meine Dame war anfänglich hanseatisch zurückhaltend und wir haben uns über viele Gespräche langsam und vorsichtig angenähert. Nach fast zwei Jahren kann ich schon an der Art, wie sie sich mit ihrem Namen am Telefon meldet, hören, ob es ihr gut geht oder der „ Herr Schwermut“ mal wieder zu Besuch
gewesen ist. Ich genieße dieses langsame Wachsen unserer „Beziehung“ sehr und mittlerweile muss diese Dame sich auch viel über mein Leben anhören und es wird immer vertrauter und selbstverständlicher – auf beiden Seiten. Ich hege den Wunsch, dass ich mindestens einmal in der Woche bei ihr vorbei schaue. Passt es mal nicht, dann rufe ich sie kurz per Telefon an. Daraus wird auch gerne mal ein fröhliches Stundengespräch über „Gott und die Welt“, da fällt es uns gar nicht schwer, ein Gesprächsthema zu finden und meist wird unser Redefluss nur von Essenszeiten gebremst. Mein kleiner Sohn Jarne ist immer fröhlich mit von der Partie und verbreitet bei uns und im ganzen Heim gute Laune um sich.
Zudem bietet er oft genug Anlass von „Früher“ zu erzählen und wie das so war – mit der kleinen Tochter damals. Ab und zu habe ich auch unseren zotteligen Familienhund „Fritzi“ dabei, der sich furchtbar vor dem Betreten des Fahrstuhls im Stift fürchtet und zeitweilig als Wischmopp fungiert, der aber auch bei vielen
Bewohnern schöne Erinnerungen weckt. Für meine anderen sechs Kinder sind diese Begegnungen und Besuche im Stift zum Alltag geworden und sie begleiten mich häufiger mal dorthin. Zudem haben sie immer viel Spaß im dortigen „Bewegungspark“, der etwas andere Spielplatz. Zugleich begrüße ich es sehr, dass sie die Begegnungen mit älteren Menschen als selbstverständlich nehmen
und wie sie so die Gelegenheit bekommen, über das „Anderssein“ im Alter sprechen zu können – schließlich trifft es uns später alle und dann erhoffe ich mir eine größere Akzeptanz der Dinge, die wir nicht ändern und aufhalten können.
Immer wenn ich das Stift verlasse, mich nochmals umdrehe und meiner Dame am Fenster winke, dann bin ich ganz beseelt und fröhlich. Es macht mir einfach Spaß und es ist eine schöne Sache, sowohl für den Besuchten, als auch für den Besuchenden.
So kann ich möglich Interessierte nur bestärken, sich gerne an mich oder an Herrn Pastor Kleinhempel zu wenden, wenn sie sich vorstellen können ein solches Ehrenamt ebenfalls zu übernehmen. Ich begleite gerne die ersten „Schritte“ und stelle die Verbindung mit möglichen Damen und Herren her. Dies geschieht immer in enger Absprache mit den Angestellten des Heimes, die gut erkennen können, wer sich über Besuch freuen wird und nur wenig bekommt. Die „Chemie muss natürlich stimmen“ – auf beiden Seiten – aber dann kann es nur schön werden. Jeder bestimmt das Volumen seines Einsatzes für dieses Ehrenamt selbst, es soll halt nicht zur Belastung werden, sondern zur liebgewonnenen Begegnung.
Meine Begeisterung für dieses Thema ist groß und ich könnte noch viel dazu schreiben und dazu sagen, aber nun ende ich aus Vernunftgründen an dieser Stelle und biete Ihnen an, dass Sie mich gerne ansprechen und bei einem persönlichen Gespräch mehr erfahren können. In meinem Fall möchte ich mit den sehr persönlichen Worten schließen, die auch täglich meine Lebenseinstellung bestimmen, dass ich in diesem Leben so viel Gutes und so viel Glück erfahren durfte, dass ich davon gerne ein Stück abgebe und es ist immer Zeit ein wenig zuzuhören oder einfach nur für einen Menschen in dem Moment ganz da zu sein. So möchte ich mich von Ihnen mit herzlichen Grüßen und besten Wünschen für das beginnende Jahr verabschieden und hoffe den
einen oder anderen Leser in meinen Wandkalender namentlich eintragen zu dürfen.

Stephanie Steinert