Ein Blick in den Terminkalender

Ein Blick in den Terminkalender

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Bestimmt kennen Sie dieses Ritual: Ein geeigneter Termin wird
gesucht. Die einen blättern geschäftig in ihrerAgenda, die andern zappeln mit dem viel zu breiten Zeigefinger über die viel zu kleinen Tasten ihres elektronischen Kalenders. Doch kaum schlägt einer
einen Termin vor, meint eine andere sogleich: „Halt, geht nicht! Ich bin besetzt!“ Und so geht es hin und her, wo die eine kann, kann der andere nicht und umgekehrt. Was diejenigen, die „besetzt“ rufen, besetzt hält, wird höflicherweise nicht gefragt.
Mir kommt das entgegen. Denn ich rufe manchmal „besetzt!“, obwohl es nicht ganz stimmt. Aber wenn ich sehe, dass meine Agenda bereits mit Terminen vollgeschrieben ist, verteidige ich die letzten freien Reservate. Diese weißen Flecken gehören mir. Mir ganz allein.
Gelegentlich streiche ich sie auch rot an, um sie ja nicht zu verplanen.
Es macht sich auch besser, falls der Nachbar in meine Agenda schielt.
So rufe ich also „Besetzt! Geht nicht!“, und alle studieren wieder
angestrengt ihre Kalender.
Früher hatte ich dabei ein schlechtes Gewissen, heute fällt es mir
leichter. Ich habe herausgefunden, dass andere wegen jeder
Nichtigkeit schon „besetzt“ rufen, und da erscheinen mir meine freien Reservate mindestens ebenso wichtig. Einige machen es übrigens genau gleich. Ich vermute, dass es um die Welt ohnehin besser bestellt wäre, wenn mehr Leute in ihren Terminkalendern einige Lücken ließen.
Der amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau hat es
vorgemacht. Er war ein vielbeschäftigter Mann, kämpfte im 19.
Jahrhundert gegen den kapitalistischen Materialismus und für die
Sklavenbefreiung. Doch er gönnte sich auch die Freiheit, nichts zu tun.
Einmal klinkte er sich aus und lebte zwei Jahre lang als Einsiedler in
einer selbstgezimmerten Blockhütte an einem Waldsee. Da saß er
dann von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zwischen Fichten und Walnussbäumen auf seiner Türschwelle, betrachtete den See, lauschte dem Gesang der Vögel und dem Rauschen der Bäume. Und wenn abends die Sonnenstrahlen durch das westliche Fenster fielen, wurde er daran erinnert, dass wieder etliche Stunden vergangen waren. Er notierte dann in sein Tagebuch: „Es war Morgen, aber siehe, nun ist es Abend geworden, und nichts Berichtenswertes ward getan.“
Wunderbar! Nichts Berichtenswertes ward getan, wo wir doch meinen, fortwährend Berichtenswertes tun zu müssen. Thoreau saß einfach da und ließ die Zeit verstreichen: „In solchen Stunden wuchs ich wie das Korn in der Nacht; sie waren viel besser, als irgendwelches Werk meiner Hände gewesen wäre. Es war keine meinem Leben abgezogene, sondern um soviel dreingegebene Zeit.“
Getrieben vom Impuls, etwas „Nützliches“ tun zu müssen, fällt es mir
schwer, nichts zu tun. Aber ich bin am Üben. Die dafür vorgesehenen
Zeiten sind in meiner Agenda reserviert. „Ich lasse gern einen breiten Rand an meinem Leben“, sagte Thoreau.
Unter dem Diktat von Geschwindigkeit und Effizienz ist dieser Rand
heute dauernd in Gefahr. Dabei ist er sehr wichtig. Lebenswichtig
sogar, meinte Thoreau: „Das Leben ist so kostbar. Ich zog in den Wald, weil ich dem eigentlichen, wirklichen Leben näher treten wollte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich gar nicht gelebt hatte.“
Ich lebe nicht als Einsiedler in einer Blockhütte. Aber auch ich
versuche, einen breiten Rand an meinem Leben zu lassen – und in
meiner Agenda: Wenn diese sich zu füllen beginnt, rufe ich frühzeitig „Besetzt!“, damit die letzten leeren Flächen leer bleiben. Sie gehören mir. Sie schenken mir die Möglichkeit, nichts Berichtenswertes tun zu müssen. Die Freiheit, einfach zu sein.
Übrigens, eine kleine Bitte hätte ich noch: Fragen Sie mich bei der
nächsten Terminabsprache nicht, ob ich jetzt wirklich besetzt sei oder nur zum Schein. Ich bin wirklich besetzt. Es geht nicht. Tut mir Leid.
Mit freundlicher Abdruckgenehmigung des Autors und Radiojournalisten Lorenz Marti, aus seinem Buch „Wie schnürt
ein Mystiker seine Schuhe? Die großen Fragen und der tägliche Kleinkram“ aufgelesen von Marina Umlauff (Kirchengemeinderat)